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Familie: Warum es für eine glückliche Kindheit nie zu spät ist

Geschrieben von Dominik Borde | 28 Feb

„Familie kannst du dir nicht aussuchen!" "Freunde sind Gottes Entschuldigung für Familie“ Solche und andere Sprüche werden zu den Feiertagen gerne zitiert und fast jedem, der eine Familie hat, ist klar, was damit gemeint ist... Warum es für ein glückliches Beziehungsleben unbedingt notwendig ist, Verletzungen - die Eltern und die eigene Kindheit betreffend - zu heilen...

Am Beispiel unserer Eltern lernen wir den Umgang zwischen den Geschlechtern und entwickeln daraus Verhaltensweisen und Muster für unsere eigenen Paarbeziehungen. Vieles von dem, was wir dort kennenlernen, wirkt weit über unser Kindsein hinaus prägend auf uns. Je nachdem, wie wir das, was wir in unserer Kindheit erlebt und erfahren haben, interpretieren, verhalten wir uns sehr ähnlich oder entgegengesetzt in unserem weiteren Leben.

Systemtreue - Jeder Mensch ist seine Eltern

Jeder Mensch ist seine Eltern und jeder liebt diese tief in seinem Innersten, egal was er über sie über sie sagt oder nach außen präsentiert. Selbst Kinder, die in Heimen aufgewachsen sind, weil sie auf Grund von Gewalt und wiederholter Lebensgefahr ihren Eltern entzogen wurden, äußern den Wunsch, wieder heimgehen zu wollen, heim zu Mama und Papa.

Beziehung zu den Eltern

Always hallucinate what is really there.

Das Unterdrücken dieser selbstverständlichen und natürlichen Liebe, das Leugnen unserer Herkunft, schmerzt viele Menschen im Alltag und schadet ihrer Beziehungsfähigkeit, denn wir bleiben die Kinder unserer Eltern, ein Leben lang.

Ein Mensch, der einen oder beide seiner Elternteile ablehnt und das Gute, das er von dort bekommen hat, leugnet, lehnt unbewusst ein Stück von sich selbst ab und versäumt, die positiven Eigenschaften bzw. Aspekte in sein Leben zu integrieren. Stattdessen entwickelt er oft selbst genau jene Eigenschaften, die er oder sie bei Vater oder Mutter besonders verurteilt.

Konkretes Fallbeispiel

Vor kurzem war ein 34-jähriger Mann bei mir, der ungeachtet seines vorteilhaften Äußeren, seines beruflichen Erfolgs und allgemein positiven Lebenswandels über starke Stimmungsschwankungen, Beziehungsprobleme und mangelnden Selbstwert klagte.

Meine Klienten bestehen zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen im Alter zwischen 19 und 55 Jahren. Die Beziehungsprobleme beider Geschlechter sind sehr häufig familiären Ursprungs.

Als wir auf das Thema Eltern zu sprechen kommen, meint er.

Klient: “Meine Eltern sind sch.... , haben mich nie gewollt, seit 20 Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Aber mir sind sie mittlerweile egal.“

Dabei macht er ein Gesicht, als wollte er etwas verbergen. Rund um seine Augen liegt Traurigkeit, diese lässt mich weiter nachfragen.

Ich: "Wem siehst du ähnlicher, deiner Mama oder deinem Papa?"

Sein Gesicht beginnt zu leuchten, er antwortet.

Klient: „Meinem Papa". Dann zögert er ein wenig und macht mit seinem nächsten Satz deutlich, wie tief seine Verbindung mit den Eltern trotz allen Leugnens nach wie vor ist.

Er öffnet seine Brieftasche und sagt.

Klient:„Schau, hier habe ich ein Foto von ihnen, an dem du das ganz deutlich sehen kannst.“

Jedes Kind liebt seine Eltern

Wie viele Männer oder Frauen im Erwachsenenalter tragen ein Foto ihrer Eltern mit sich in der Brieftasche? Und wie muss es einem Menschen gehen, der einerseits eine natürliche und tiefe Liebe zu seinen Eltern verspürt, die weit über all das hinausreicht, was er in seiner Kindheit an negativen Erfahrungen gemacht hat, und andererseits diese Liebe leugnet und unterdrückt, indem er sagt, dass ihm seine Eltern egal sind?

Es ist niemals zu spät, eine gute Kindheit zu haben

Eltern sind keine Übermenschen, machen häufig Fehler und hatten meist selbst Eltern, von denen sie sich - auf oben beschriebene Weise - vieles abgeschaut haben.

Wir tun, was wir tun, entweder aus Inspiration oder aus Desperation - manchmal um Liebe zu unterdrücken und manchmal um sie zu geben.

Niemand ist absichtlich lieblos oder kalt, niemand schlägt verbal oder physisch um sich, weil er sich dabei so besonders wohlfühlt, und keine Mutter und kein Vater wird gerne zum Alkoholiker oder Choleriker.

Der Gedanke

„Meine Eltern sind so, wie sie sind, genau die Richtigen für mich. Ich verdanke ihnen mein Leben und nehme das Gute von ihnen als ihr Kind.“

Dieser Satz wirkt befreiend, denn wer seine Eltern so nimmt, wie sie sind, kann das Gute von ihnen übernehmen und sich frei entscheiden, ihnen in problematischen Dingen nicht zu folgen.

Die innere Aussöhnung mit dem, was ist und war, und das Eingestehen der naturgegebenen Liebe, die jedes Kind trotzdem für seine Eltern empfindet, löst seelische Knoten und belastende Verstrickungen - denn der größte Schmerz im Leben entsteht aus unterdrückter Liebe.

Je mehr wir unsere Eltern ablehnen, desto ähnlicher werden wir ihnen

Das mag jetzt für manchen Leser einen kleinen Schock bedeuten, vor allem dann, wenn er/sie schon vor längerem beschlossen hat, niemals so zu werden wie ein bestimmter Elternteil. Meine Erfahrung ist, die tiefe Bindung im Familiensystem wirkt ausgleichend dagegen. Unsere Treue zum System sorgt dafür, dass Kinder ausgleichend ein ähnliches Verhalten zeigen bzw. ähnliche Probleme im Leben haben. Im Coaching begegne ich unzähligen Menschen, auf deren Leben diese Beschreibung zutrifft.

Sobald das natürliche Verhältnis zu den Eltern wiedergewonnen und die verdrängte Liebe zu ihnen zugelassen wird, erleben Klienten eine sofortige Besserung ihrer Anliegen. Ein Baum, der sich seine Wurzeln abhackt, steht unsicher. Wer seine Mutter, seinen Vater ablehnt, der kann das Gute von ihnen nicht annehmen.

Evolution statt Revolution

Was du brauchst ist Evolution nicht Revolution, Revolution ist ein Rückschritt! Revolution ist der Baum der sich auf seine Wurzeln schlägt. Wie wohl kann sich ein Apfel fühlen, der sagt, der Baum von dem ich stamme ist scheiße?

In diesem Sinn

“Nobody can go back and start a new beginning, but anyone can start today and make a new ending.”

Mary Robinson