Sei nicht so laut! Warum dieser Satz deinem Kind sehr schaden kann

Dominik Borde 26 Aug Persönlichkeitsentwicklung, Eltern-Kind-Beziehung, Familienprobleme 0 Kommentare

Erlebnisse in unserer Herkunftsfamilie können uns für unser ganzes Leben prägen – positiv wie negativ. Warum insbesondere die typische Eltern-Mahnung „Sei nicht so laut“ unseren Kindern sehr schaden kann.

„Sei nicht so laut!“ Das haben sicherlich schon viele Mütter und Väter zu ihren Kindern gesagt. Und dieser Appell ist ja verständlich. Denn so sehr wir unsere Kinder lieben, der Alltag mit ihnen und all den zusätzlichen Herausforderungen durch Job, Haushalt und mehr kann natürlich immer wieder so belastend sein, dass uns all der Trubel zu viel wird. Da kann der Wunsch nach einem Moment der Ruhe sehr stark werden – und dieser Satz ist schnell gesagt. Was den Eltern in diesem Moment wohl kaum bewusst ist: Die Mahnung kann bei unseren Kindern Schaden anrichten. Warum, das möchte ich dir am Beispiel einer Klientin von mir erklären.

Wie Probleme in unserer Herkunftsfamilie uns ein Leben lang prägen können

Maria, so möchte ich die Klientin hier einmal nennen, ist eine intelligente, junge Frau, die ganz klar weiß, was sie im Leben erreichen möchte. Sie wünscht sich eine glückliche Beziehung, gute Freunde und Anerkennung im Job. Doch insbesondere mit der Wertschätzung im beruflichen Kontext hapert es sehr. Das Problem: Maria ist eher der stille Typ und wartet meist darauf, gehört zu werden – anstatt selbstbewusst und laut für ihre Wünsche und Ziele einzustehen. Auch in Beziehungen will es mit dem Glück nicht recht klappen. Maria hat immer wieder das Gefühl, mit ihren Bedürfnissen von ihren Partnern nicht gesehen zu werden. Sie traut sich allerdings auch kaum, diese selbstbewusst zu kommunizieren.

Im Gespräch mit Maria wird mir schnell klar, dass die Gründe für Marias Probleme in ihrer Herkunftsfamilie zu suchen sind. Denn insbesondere ihr Vater war sehr autoritär. Er hat Maria und ihren Geschwistern immer wieder gesagt, dass sie nicht so laut sein sollen.
Für Maria war die Wirkung dieser strengen Ermahnungen fatal. Was für ihren Vater ein kaum bemerkenswerter Vorgang war, kam bei der kleinen Maria wie ein knallharter Liebesentzug an – und Liebesentzug ist für ein kleines Kind lebensgefährlich. Unbewusst speicherte Maria ab: „Wenn ich geliebt werden will, darf ich nie wieder laut sein!“ Kein Wunder, dass die erwachsene Maria sich nicht traut, im Job oder in Partnerschaften lautstark für ihre Wünsche und Ziele einzustehen.

Nun wird klar:

Für ein kleines Kind kann eine in Erwachsenenaugen komplett harmlos wirkende Situation bedeuten, dass es sich zu jemandem entwickelt, der sich in Konflikten nicht gut behaupten können wird. Denn von der Kindheit an hat dieser Mensch verinnerlicht, nicht laut sein zu dürfen.

Das Problem betrifft Generationen

Gerade bei Mädchen war es in früheren Generationen oft ein Unding, laut zu sein. Das hat dazu geführt, dass wir heute viele Frauen ab vierzig in unserer Gesellschaft beobachten können, die Schwierigkeiten damit haben, sich gegenüber anderen – ob das nun im beruflichen oder im privaten Umfeld ist – mal lauter zu verhalten oder einfach auf den Tisch zu hauen.

Aus Zurückweisung entsteht unserer innerer Tyrann

Derartige Prägungen passieren selbstverständlich nicht nur im Elternhaus, werden nicht nur von Mama und Papa, den Geschwistern oder Großeltern ausgelöst. Auch im Kindergarten beispielsweise kann ein Kind Momente der Zurückweisung erleben, die es für sein ganzes Leben prägen. Denn immer, wenn ein Mensch zurückgewiesen wird – gerade in der Kindheit – macht das etwas mit ihm. Mit jedem Ereignis dieser Art mehr entsteht in uns eine zunehmend starke kritische Stimme – unserer innerer Tyrann.

Innerer Tyrann? Was soll das denn sein?

Mit dem inneren Tyrannen meine ich den inneren Kritiker, diese lautstarke kritische Stimme, die so viele Menschen jeden Tag begleitet. Sie flüstert uns immer wieder ein: Du kannst das nicht, du schaffst das nicht, lass das lieber. In der Regel bemerken wir ihn nicht, der gedankliche Monolog läuft unbewusst ab – so wie bei Maria. Ihr ist nicht bewusst, dass sie durch ihren inneren Tyrann blockiert wird, der sich schon in ihrer Kindheit entwickelt hat. Sie merkt nur, welche Probleme ihr diese innere Stimme macht, die ihr immer wieder einflüstert: „Du darfst nicht laut sein, wenn du geliebt werden willst“.

Wie kann ich diesen inneren Tyrannen loswerden?

Der innere Tyrann kann auf vielfältige Weise entstehen und uns in vielen Lebensbereichen einschränken. Das Thema ist so groß, dass ich ein ganzes Buch dazu geschrieben habe: „Mein innerer Tyrann – Über die Kunst, sich selbst nicht im Weg zu stehen“. Darin erläutere ich zusammen mit meiner Co-Autorin Pamela Obermaier, wie der innere Tyrann entsteht, wie er uns im Beruf, in der Liebe, in Freundschaften oder auch in Geldangelegenheiten blockiert und was wir konkret tun können, um ihn loszuwerden und unser Leben selbstbestimmt und glücklich zu leben.

In Kürze möchte ich aber auch hier schon erläutern, wie die (Er-)Lösung von unserem inneren Tyrannen möglich ist. Der erste Schritt ist zu erkennen: Ich habe einen inneren Kritiker, der mich blockiert. Er wird gespeist durch ganz bestimmte Trigger-Erlebnisse. Ich bin dem jedoch nicht hilflos ausgeliefert.

Sobald ich mir der Wirkung des inneren Tyrannen bewusst bin, kann ich gezielt dagegen ansteuern und mich davon befreien.

Bei Problemen in der Herkunftsfamilie, die mich bis heute prägen und belasten, kann ich mir also anschauen: Was ist da eigentlich passiert? Wie hat mich das als Kind geprägt? Und wie belasten diese Prägungen meine Beziehungen heute? Sobald du diese Programmierung analysiert hast, kannst du neue Verhaltensweisen und Gewohnheiten entwickeln, die verhindern, dass du dich immer wieder durch deinen inneren Kritiker blockieren lässt.

Für Maria heißt das: Sie wird bewusst üben müssen, laut zu sein und klar und deutlich ihre Wünsche und Ziele zu kommunizieren. Das klingt unangenehm? Ja, ist es wahrscheinlich auch. Aber es ist der einzige Weg.

Wenn du deine Unsicherheit überwinden willst, musst du über sie hinausgehen: face your fear. Die Angst ist der rote Teppich, der Runway, zum Mut. Selbstsicherheit ist Übungssache.

Du möchtest mehr über die Wirkweise des inneren Tyrannen erfahren? Dann lade ich dich herzlich dazu ein, mein Buch zu lesen. Hier findest du es auf Amazon.

Zum Schluss möchte ich noch sagen: Wenn du eine Mama oder ein Papa bist und jetzt ein furchtbar schlechtes Gewissen hast, weil du deinem Kind schon einmal gesagt hast, dass es nicht so laut sein soll – dann STOPP! Sei jetzt bitte freundlich mit dir. Eltern sind auch nur Menschen und keine ausgebildeten Pädagogen. Möglicherweise warst du dir bis jetzt einfach nicht bewusst, welche Auswirkungen dein Handeln haben kann. Doch jetzt weißt du es – und hast damit die großartige Chance, es als Elternteil künftig anders zu machen, ein wenig bewusster zu leben und deinem Kind oder deinen Kindern ein Leben mit weniger Angst und mehr Liebe zu ermöglichen!

Im Falle von „Sei nicht so laut!“ könntest du in Zukunft beispielsweise so reagieren: Wenn dir der Trubel mal wieder zu viel wird, erkläre deinem Kind in ruhigem Ton: „Liebling, bitt spiel eine Weile etwas leiser. Mama/Papa hat Kopfschmerzen/ist müde und braucht eine kurze Pause. Danach bin ich wieder mit neuer Energie für dich da.“ So versteht das Kind viel besser, warum es eine Weile leiser sein soll und kann gleichzeitig sicher sein, dass seine Eltern es so oder so auch nachher noch lieb haben werden. Die Bindung zwischen dir und deinem Kind wird nicht gestört, der innere Tyrann bekommt kein Futter und eine negative Prägung fürs Leben wird erfolgreich vermieden.

Ein weiterer Punkt, der in diesem Zusammenhang interessant ist: Eltern loben es oft, wenn Kinder ruhig und angepasst sind, und gehen besonders liebevoll mit ihren Kindern um, wenn sie krank sind. Unbewusst belohnen wir so genau das, was wir ihnen am wenigsten wünschen, nämlich angepasst, verhalten und unlebendig zu sein. Stattdessen sollten wir es unseren Kindern lieber unbequem machen, krank zu sein, und ihre Lebendigkeit fördern und das, was laut ist, lieben lernen, anstatt es abzulehnen.

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